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Begriff 'Seitensprung'

Quelle : https://de.wikipedia.org/wiki/Seitensprung

Seitensprung

Ein Seitensprung ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine vorübergehende sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen, von denen mindestens eine Person verheiratet ist oder sich in einer sonstigen festen sozialen Partnerbeziehung befindet.

Der Begriff, der ursprünglich einen Sprung (des Pferdes) in seitliche Richtung bezeichnet und im 18. Jahrhundert für eine Abweichung allgemeiner Art verwendet wurde (vgl. auch Eskapade), wird seit dem 19. Jahrhundert ausgehend vom Österreichischen auch in moralischer Hinsicht meist für einen kurzfristigen Ausbruch aus der ehelichen Beziehung verwendet. Weitere Begrifflichkeiten sind fremdgehen, seinen Partner betrügen, Affäre oder Ehebruch, wobei Ehebruch heutzutage fast nur noch als rechtlicher Ausdruck verwendet wird. Der Begriff Seitensprung wird erst seit einigen Jahrzehnten im Zusammenhang mit Ehebruch gebraucht.

Historische Einordnung

Die negativen Konnotationen des Seitensprungs lassen vermuten, dass Ehebruch auch in vergangenen Kulturen als unmoralisch oder illegal angesehen wurde und sich diese Ansichten bis in die Neuzeit erhalten haben. Babylonische Gesetze verboten schon 2000 Jahre vor Christus den Ehebruch. Auch überlieferte griechische und römische Gesetze geben Aufschluss über die Handhabung von Ehebrechern. Diese bezogen sich jedoch meist nur auf ehebrechende Frauen. Eine mögliche Erklärung dieser Ungleichheit: Es liege weniger der unmoralische Charakter des Ehebruchs zu Grunde, sondern mehr das Konzept der „Ehefrau als Besitz des Mannes“. Gesetze dieser Art dienten vor allem dem Schutz der Erblinie, denn entstünde aus dem Seitensprung der Ehefrau ein Kind, könnte die Ehebrecherin dieses ihrem Ehemann als sein eigenes unterschieben. Im Gegensatz dazu musste ein fremdgehender Ehemann keine Verantwortung für ein entstehendes Kind übernehmen, da sich die Familie der Mutter darum zu kümmern hatte.

Gesetze, die Frauen im Falle eines Ehebruchs erheblich benachteiligten, sind noch vom Mittelalter bis in die Neuzeit zu finden. Erst das Reichsstrafgesetzbuch von 1871 regelte gleiche Strafen für ehebrechende Männer und Frauen. In der DDR wurde die Strafbarkeit des Ehebruchs 1955 und in der Bundesrepublik 1969 abgeschafft.

Studien und Ergebnisse

Seit Jahren versuchen Forscher die Gründe für Seitensprünge herauszufinden. Die Ergebnisse werden dabei häufig durch die Hintergründe der Forscher beeinflusst. So unterscheiden sich Forschungsergebnisse von Psychologen deutlich von denen der Evolutionsbiologen und Verhaltensforscher.

Ragnar Beer und Theratalk

Ragnar Beer, Psychologe und Paartherapeut, lehrte mehrere Jahre an der Universität Göttingen im Bereich Eheberatung und Paartherapie in Theorie und Praxis. Seit 1996 beschäftigte er sich mit dem Thema Online-Paartherapie und rief dazu das Projekt „Theratalk“ ins Leben. Im Rahmen dieses Projektes führten er und sein Team mehrere Studien zum Thema Seitensprung durch. Dabei wurde besonderer Wert auf die Psyche der Befragten gelegt.

  • Eine Vorstudie ergab, dass etwa 76 % der Männer und 84 % der Frauen sexuelle Unzufriedenheit in der Beziehung als Grund für den begangenen Seitensprung sahen.
  • Eine Befragung unter 3334 heterosexuellen Männern (34 %) und Frauen (66 %), deren Partner fremdgegangen waren, zeigt, dass die Betrogenen oft unter posttraumatischen Belastungsstörungen wie Depressionen, Angstattacken oder Herzrhythmusstörungen leiden. Die Studie ergab außerdem, dass ein Seitensprung nur in seltenen Fällen ein One-Night-Stand war. Über zwei Drittel der Betrogenen gaben an, dass die Affären ihrer Partner länger als einen Monat andauerten.
  • Eine dritte Studie befragte 2601 heterosexuelle Untreue, wovon 45 % der Befragten Männer und 55 % Frauen waren. Die Ergebnisse deckten sich teilweise mit denen der Vorgängerstudie mit Betrogenen.

Robin Baker

Der britische Verhaltensbiologe Robin Baker veröffentlichte 1996 das Buch Krieg der Spermien (Originaltitel: Sperm Wars), in dem er seine Theorien zum Thema Sex darlegt. Dabei nutzt er vor allen Dingen evolutionsbiologische Ansätze, um zu erklären, warum Menschen fremdgehen. Baker stützt sich insbesondere auf die Theorie der Spermienkonkurrenz bei Tieren und wendet sie auf den Menschen an.

Christopher Ryan

Aus Sicht des Psychologen und Autors Christopher Ryan ist die körperliche Treue nicht in der Natur des Menschen verankert. Vielmehr habe sich diese Einstellung im Laufe der Evolution entwickelt. In seinem veröffentlichten Buch Sex. Die wahre Geschichte führt er unter anderem auf, dass weniger als 10 % aller Tierarten monogam leben. Auch bei den Menschen war es früher üblich, dass nicht nur in Gruppen gejagt, sondern auch die Beute innerhalb des Stammes geteilt wurde. Da auch die Nachkommen gemeinschaftlich aufgezogen wurden, sei es unerheblich gewesen, von wem sie gezeugt wurden. Die Paarung diente in erster Linie der Sicherung und dem Fortbestehen der Gruppe. Erst durch die Entwicklung der Zivilisation sei die Monogamie entstanden. Ryan sieht ihre Ursprünge vor allem im Ackerbau, da somit der Besitz und das Interesse, sein Hab und Gut an den eigenen Nachwuchs weiterzugeben, in den Vordergrund gerückt sei.

Weitere Studien

Neben diesen zwei Studien gibt es zahlreiche weitere Befragungen, die sich des Themas angenommen haben.

  • In Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsunternehmen Innofact hat eine Partneragentur eine Umfrage durchführen lassen, um nähere Ursachen für Seitensprünge herauszufinden. Die Studie ergab, dass für 46 % der Männer fehlende sexuelle Befriedigung der Hauptgrund für einen Seitensprung ist. Für 56 % der Frauen war mangelnde Aufmerksamkeit ihres Partners der Hauptauslöser.
  • Für eine Studie ließ Paul Andrews von der Virginia Commonwealth University in Richmond 203 junge, heterosexuelle Paare zum Thema befragen. Den Ergebnissen zufolge erkennen Männer öfter als Frauen, ob ihr Partner einen Seitensprung hatte. Während die männlichen Befragten zu 75 % die in der Befragung zugegebenen Seitensprünge erkannten, kamen Frauen nur auf eine Trefferquote von 41 %. Andrews erklärte die Ergebnisse damit, dass Männer argwöhnischer sind, was die Treue ihrer Partnerinnen angeht. Denn hier sei die Möglichkeit gegeben, dass sie ihre Ressourcen in das Aufziehen von fremdem Nachwuchs (Kuckuckskindern) stecken.

Seitensprung weltweit – Zahlen und Fakten

  • In Russland geht nur jeder vierte Russe fremd. Insbesondere Moskau allerdings fällt aus dem Rahmen – denn dort gehen 76 % aller männlichen Einwohner fremd. Die Geliebte wird dabei als Statussymbol betrachtet. Bei den Frauen sind es wesentlich weniger, die fremdgehen. In ganz Russland sind es etwa 20 % der Frauen, in Moskau etwa 40 %.
  • In Italien betrügen nach eigener Aussage 67 % der Männer ihre Ehefrauen. Das Forschungsinstitut Censis hat allerdings ausgewertet, dass lediglich 25 % der Männer tatsächlich fremdgehen.
  • 29 % der Schweizer haben außerehelichen Sex – und zwar sowohl Männer als auch Frauen.
  • In Schweden gehen 38 % der Männer und 23 % der Frauen fremd.
  • In den USA gehen lediglich 15 % bis 17 % fremd – und das auch noch mit schlechtem Gewissen, wie eine Studie der Forscherin Pepper Schwartz beweist. Dabei spielen Schuldgefühle und moralische und religiöse Bedenken eine wichtige Rolle.

Das Geschäft mit dem Seitensprung

Seit ein Seitensprung nicht mehr strafrechtlich verfolgt wird, haben einige Geschäftsleute eine Marktlücke für sich erkannt. Seitensprungagenturen wurden ins Leben gerufen und vermitteln an Interessenten Kontakte zum Fremdgehen. Durch das Internet werden jedoch mittlerweile stationäre Agenturen mehr und mehr durch Kontaktbörsen im Internet verdrängt. Zahlreiche Anbieter bieten nicht nur Kontaktmöglichkeiten, sondern geben auch Ratschläge und Tipps, wie man den eigenen Seitensprung vor dem Partner geheim halten kann.

Prinzipiell unterscheidet man folgende Arten von Seitensprungagenturen:

  • Stationäre Seitensprungagenturen: z. B. telefonische Vermittlung.
  • Online-Seitensprungagenturen: Reine Online-Seitensprungagenturen werden zunehmend von sogenannten Casual-Dating-Services verdrängt, die sich nicht auf Seitenspringer beschränken, sondern erotische Kontakte aller Art vermitteln. In der Regel sind diese Angebote für Frauen kostenlos, während Männer für die zeitlich beschränkte Nutzung zahlen müssen.

Auch allgemeine Kontaktbörsen bieten mittlerweile Rubriken, wo Affären und Seitensprünge gesucht werden können.

Literatur

  • Andrea Bräu: Es war doch nur Sex!: Seitensprung – ein altes neues Verlangen. Südwest Verlag 2011, ISBN 978-3-517-08703-0.
  • Michèle Binswanger: Fremdgehen – Ein Handbuch für Frauen. Ullstein extra, Berlin 2017, ISBN 978-3-86493-050-8 (Vorabdruck).

Quellen

  • Rafaela von Bredow: Frauen in freier Wildbahn. In: Der Spiegel. Nr. 5, 1999, S. 160–162 (online – 1. Februar 1999). 
  • Arne Duncker: Gleichheit und Ungleichheit in der Ehe. Böhlau, Rechtsgeschichte und Geschlechterforschung, Band 1. Köln u. a. 2003, S. 677–721.
  • Marshall Cavendish Corp: Sex and Society. o. O., 2010, S. 39–40.
  • Violetta Simon: Rache ist weiblich. In: Süddeutsche Zeitung. 6. Juni 2008 (sueddeutsche.de, abgerufen am 1. Juli 2010)

Weblinks

Einzelnachweise